VEB Brunnenversand und der Lauchstädter Heilbrunnen

Lauchstädter Heilbrunnen

Über 300 Jahre lang wurde Wasser aus Bad Lauchstädt in Flaschen gefüllt und in alle Richtungen verschickt. Der Betrieb, der das zuletzt zu DDR-Zeiten als VEB Brunnenversand der Heilquelle zu Bad Lauchstädt tat, hat Kriege, Verstaatlichung und Privatisierung überstanden, ehe ihn 2011 eine Insolvenz stoppte, die im Ort bis heute Kopfschütteln auslöst. Seit kurzem läuft die Abfüllung wieder. Die Geschichte dahinter lohnt sich, denn sie erzählt viel darüber, was aus ostdeutschen Traditionsbetrieben nach der Wende wurde.

Eine Quelle macht Karriere

Am Anfang steht ein Zufall. 1704 stieß man bei Grabungen in Lauchstädt auf eine Mineralquelle, und schon ab etwa 1710 wurde das Wasser nicht nur vor Ort getrunken, sondern auch abgefüllt und versendet. Damit gehört der Lauchstädter Brunnenversand zu den ältesten seiner Art in Deutschland.

Warum das Wasser so gefragt war, zeigt ein Blick auf die alten Etiketten: „Ärztlich empfohlen bei Rheumatismus, Gicht und Nervosität“ stand dort. Heilwasser war über Jahrhunderte ein ernst genommenes Arzneimittel, und Lauchstädt hatte dazu die beste Werbung, die man sich denken konnte. Das sächsische Kurfürstenpaar kurte hier ab 1775, Goethe leitete das Theater und trank das Wasser, Schiller kam ebenfalls zur Kur. Wer sich das Bad nicht leisten konnte, bestellte wenigstens die Flasche. Der Versand brachte die Kur nach Hause, so ähnlich, wie man heute Produkte aus dem Urlaubsort nachbestellt.

Vom Kurbetrieb zum Unternehmen

1905 wurde aus dem traditionsreichen Versandgeschäft ein eigenständiges Unternehmen. Es überstand zwei Weltkriege und wurde in der DDR verstaatlicht: Als VEB Brunnenversand der Heilquelle zu Bad Lauchstädt gehörte der Betrieb zum Getränkekombinat Dessau. Sitz war die Querfurter Straße 11 bis 13, rund um das Aeckerleins Haus nahe dem Goethe-Theater. Das Lauchstädter Wasser ging in der DDR auch in den Export, historische Etiketten weisen den Versand über die Exportschiene des Getränkekombinats aus. 1990, am Ende der DDR, zählte der Betrieb 45 Beschäftigte.

Nach der Wende: Marktführer im Osten

Die Privatisierung schien zunächst zu gelingen. Als Bad Lauchstädter Heil- und Mineralbrunnen GmbH wurde das Unternehmen nach 1990 zum Marktführer für Heilwasser in Ostdeutschland. Neben dem klassischen Lauchstädter Heilbrunnen kamen weitere Marken dazu: 2002 ließ sich die GmbH die Marke Schillerbrunnen Bad Lauchstädt schützen, ein Mineralwasser, das an den zweiten berühmten Kurgast anknüpfte. Wer in Sachsen-Anhalt oder Sachsen aufgewachsen ist, kennt beide Namen aus dem Getränkemarkt.

Der Niedergang: Produktionsstopp und Insolvenz

Das Ende kam nicht über Nacht, es hatte sich über Jahre aufgebaut. Zuletzt gehörte das Unternehmen der Vönix GmbH, hinter der ein Berliner Rechtsanwalt stand, der auf Firmenumstrukturierungen spezialisiert war. Die Strategie, das Traditionswasser verstärkt in Plastikflaschen zu verkaufen, ging am Markt nicht auf. Im November 2010 stand die Produktion still. Die rund 26 verbliebenen Mitarbeiter, viele davon seit über 20 Jahren im Betrieb, warteten damals seit viereinhalb Monaten auf ihren Lohn.

Der Betriebsrat warf dem Eigentümer öffentlich rücksichtslose Profitgier vor. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff schaltete sich ein, verlangte binnen einer Woche ein Unternehmenskonzept und stellte Fördermittel für einen seriösen Investor in Aussicht, nötig gewesen wären nach seiner Schätzung rund zwei Millionen Euro. Es half nichts: 2011 meldete die Heil- und Mineralbrunnen GmbH Insolvenz an. Nach drei Jahrhunderten war Schluss mit dem Lauchstädter Wasserversand, die Marken verschwanden aus den Regalen, die Gebäude an der Querfurter Straße fielen in einen Dornröschenschlaf.

Der Neustart: Bayerische Brunnenfamilie übernimmt

Dass die Geschichte weitergeht, liegt an einer Familie, die vom Wassergeschäft etwas versteht. 2019 kaufte Martin Abfalter die Lauchstädter Quelle, Geschäftsführer der St. Leonhardsquelle aus dem bayerischen Stephanskirchen, einem der bekanntesten deutschen Anbieter für Quellwasser in Glasflaschen. Den Kontakt hatte ein früherer Weggefährte eingefädelt: Nikolas Fürst, in den 1980er Jahren selbst Geschäftsführer der St. Leonhardsquelle, später Gründer einer Getränkehandelskette, heute im Raum Leipzig zu Hause. Er begleitet den Neustart als Projektleiter.

Der Weg zurück war zäh. 2021 liefen die Pumpen im Testbetrieb, doch erst am 23. Dezember 2023 lag nach langem Genehmigungsverfahren das Wasserrecht vor. Anfang 2025 kam das Wasser dann zurück in den Handel, als Bad Lauchstädter Brunnen, abgefüllt in der Literflasche und der kleinen 0,33er, beides Glas und Mehrweg. Auf Plastik verzichtet man diesmal bewusst, die gescheiterte PET-Strategie des Vorgängers dient als Warnung.

Was heute dort passiert und was der Plan ist

Firmensitz ist wieder die Querfurter Straße 11, das alte Brunnenversand-Areal am Aeckerleins Haus. Die Gebäude dort werden Stück für Stück saniert, denn nach den Jahren des Stillstands brauchte der Standort neue Technik und intakte Hallen für Abfüllung und Lager. Beim Brunnenfest kann man sich das inzwischen sogar ansehen, an den Festtagen gibt es Führungen zur Brunnenproduktion auf dem Heilbrunnengelände.

Der Plan dahinter ist klar umrissen. Das Wasser soll nicht über den Preis verkauft werden, sondern über Herkunft und Geschichte, zunächst mit dem Ziel von einer Million Füllungen pro Jahr, vertrieben über Gastronomie und Getränkefachhandel statt über Discounter. „Wir wollen den klangvollen Namen Bad Lauchstädter Mineralwasser wieder national bekannt machen“, gab Fürst als Richtung aus. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Die Quelle jedenfalls sprudelt wie seit 300 Jahren, und zum ersten Mal seit 2010 wird ihr Wasser wieder verschickt.

Zeitleiste im Überblick

1704Entdeckung der Mineralquelle bei Grabungen
ab 1710Beginn von Kurbetrieb und Flaschenversand
1905Gründung des Brunnenversands als eigenständiges Unternehmen
DDR-ZeitVEB Brunnenversand der Heilquelle zu Bad Lauchstädt im Getränkekombinat Dessau, Sitz Querfurter Straße 11–13
199045 Beschäftigte, danach Privatisierung zur Heil- und Mineralbrunnen GmbH, Marktführer für Heilwasser im Osten
2002Eintragung der Marke Schillerbrunnen Bad Lauchstädt
Nov. 2010Produktionsstopp unter Eigentümerin Vönix GmbH, Löhne bleiben aus
2011Insolvenz der Heil- und Mineralbrunnen GmbH
2019Martin Abfalter (St. Leonhardsquelle) kauft die Quelle
2021Pumpen laufen im Testbetrieb
Dez. 2023Wasserrechtliche Genehmigung erteilt
2025Marktstart des Bad Lauchstädter Brunnens in der Glas-Mehrwegflasche
heuteSanierung der Gebäude an der Querfurter Straße, Ziel: eine Million Füllungen pro Jahr

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 4.8 / 5. Anzahl Bewertungen: 145

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?